Schule und Kindergarten haben sich praktisch nicht verändert, seit ich vor 44 Jahren die Ausbildung zur Erzieherin gemacht habe.
Die Pädagogik im Allgemeinen arbeitet immer noch mit Gewalt und Unterdrückung und gleichzeitig gibt es nicht mehr viel für die Kinder und Jugendlichen, das wirklich Halt gibt und verankert.
Das klingt radikal und völlig übertrieben?
Vielleicht ist es das auch und eine differenzierte Betrachtung wäre angezeigt.
Dennoch, ganz allgemein,
die Schule und oft schon der Kindergarten, unterdrückt den natürlichen Bewegungsdrang der Kinder über viele Stunden hinweg.
Gleichzeitig gibt es Vorschriften was zu tun und was zu lassen ist. Inhalte, egal ob sie irgendeinen Bezug zum Leben der Kinder haben, sollen gelernt werden und gleichzeitig soll nichts in Frage gestellt werden.
Das ist Unterdrückung, egal welch hehrem Zweck sie dienen soll.
Unterdrückung ist eben auch eine Form von Gewalt.
Das Ziel, der Zweck scheint die Mittel zu heiligen und wir haben uns diesen völlig ungeeigneten Formen (Ungeeignet, im Sinne der Selbstbestimmungstheorie)
des Miteinanders so ergeben, uns so damit identifiziert, dass wir uns eine andere Form des Zusammenlebens kaum vorstellen können.
Die Art, wie wir Kinder in dieses Leben begleiten ist bestimmt von der völligen Akzeptanz des Systems, obwohl so viele spüren können, dass etwas nicht stimmt.
Ich arbeite seit vielen Jahren mit Erwachsenen in Krisensituationen, akuten und chronischen Krisen und immer ist der Ursprung in der Kindheit zu verorten.
Auch Eltern, die es so gut meinen mit ihren Kindern und sich das Beste für den Nachwuchs wünschen, folgen meist den Traditionen der Kindererziehung.
Sie handeln aus Überzeugung oder auch nur aus struktureller Notwendigkeit.
(Kinder, die noch in Windeln stecken werden im System betreut, weil die wirtschaftlichen Notwendigkeiten eben so sind, auch wenn der Wunsch bestünde, Zeit mit dem Kind, den Kindern zu haben und deren Bedürfnissen mehr Raum zu geben.)
Der individuelle Entwicklungsprozess hat in den meisten Institutionen einen sehr engen Rahmen, bedingt durch zu viele Kinder und zu wenige und zu schlecht geschulte Betreuer, Erzieher und Lehrer, die kaum in der Lage sind, ihr eigenes Sein und Tun zu reflektieren.
Vieles ist heute besser als früher, zumindest höre ich das immer so.
Dennoch habe ich Zweifel.
Bezogen auf unser Miteinander, scheint mir das Konzept von Hierarchie und entsprechend Unterordnung, Unterdrückung, Bewertung, Belohnung und Bestrafung, allgegenwärtig.
Die Angst vor Freiheit begegnet mir häufig und ist es schlüssiges Ergebnis der erlebten Unterdrückung.
Und all das geschieht häufig mit einem freundlichen Gesicht und in einem Leben im materiellen Überfluss. Was also könnte falsch sein?
Wir Menschen haben ein Bewusstsein.
Und es braucht viel davon, um die Vorgänge zu realisieren, zu erkennen, wo mit freundlichem Gesicht Bedürfnisse unterdrückt werden und wo man selbst ganz selbstverständlich im System mitschwingt, obwohl man das eigentlich gar nicht möchte.
Der Vollständigkeit halber möchte ich an dieser Stelle die Unterscheidung ausführen von Anpassung und Unterordnung.
- Anpassung ist ein Akt selbständiger und aktiver Entscheidung, ob ich den gegebenen Anforderungen entsprechen und ein Teil des sozialen Rahmens sein möchte, in dem ich mich gerade bewege, oder eben nicht. Insofern ist die Fähigkeit zur Anpassung eine Kernkompetenz für soziales Miteinander.
- Unterordnung beinhaltet die Erwartung und Erduldung unterschiedlich schwerer Sanktionen, wenn ich mich nicht anpasse und genüge. Die Anpassung erfolgt aus Angst, nicht als positive Entscheidung.
Wir können so viel nicht verändern, müssen so viel einfach hinnehmen und dennoch: Wir können entscheiden. Das ist unsere Superpower.
Wir können entscheiden, ob wir mitmachen oder einen anderen Weg einschlagen.
Ob wir weiter angstgesteuert agieren möchten oder unser Herz öffnen und neue Wege finden, für uns selbst und unser Miteinander.
Es geht nicht darum keine Angst zu haben, egal wovor, sondern darum, der Angst nicht die Macht zu geben. Selbst zu entscheiden, wer man sein möchte, welchem Pfad man folgen möchte.
Und ja, etwas nicht mehr zu wollen schafft manchmal ein Vakuum, weil man vielleicht noch nicht weiß, was stattdessen oder wie.
Die Erfüllung unserer zentralen Bedürfnisse nach Verbundenheit und Freiheit geht oft verloren und wer aufbegehrt und aus dem System ausbricht, findet meist keine Zustimmung.
Ja ich weiß, das ist alles sehr allgemein gehalten und wie oben schon gesagt, wäre eine differenzierte Betrachtung nötig.
Und dennoch.
Ich glaube, die Schärfung unseres Bewusstseins, die Übernahme der Zuständigkeit für unsere eigenes Wohlbefinden, das Erlernen einer verbindenden Kommunikation, ist das Beste, was man aktuell für sich und die ganze Welt, tun kann.